







Alexander Beierbach - ts
Steffen Faul - tp
Denis Jabusch - b
Uli Jenneßen - dr

Alltag der Tiger
von Nina Rohlfs
Jazz ist bekanntlich eine gefräßige Kunst. Mit dem Appetit einer
Raubkatze hat er stets erbeutet und verdaut, was vor seiner Nase durchs
musikalische Revier huschte, wie profan und nichtig oder wie erhaben
und kulturell überlegen es daherkommen mochte. An diesem Grundprinzip
hat sich nicht viel geändert - die Beutetiere sind allerdings über die
Jahrzehnte hinweg ebenso wenig die Gleichen geblieben wie der Jäger
selbst.
Und so stellt sich das Berliner Quartett The Tigers of Love
um den Tenorsaxophonisten Alexander Beierbach zwar mit seiner Besetzung
aus Schlagzeug, Bass und zwei Bläsern einerseits sehr bewusst in die
Tradition der Quartette ohne Harmonieinstrument - von Gerry Mulligan
über Ornette Coleman bis hin zu zeitgenössischen Formationen. Doch wie
bei so vielen jungen Ensembles stehen eine ganze Reihe von
stilistischen Einflüssen auf dem Speiseplan. Die musikalischen
Biografien der Bandmitglieder umfassen unüberhörbar neben einer
Sozialisation durch die Popmusik der 80er Jahre auch die Beschäftigung
mit der europäischen improvisierten Musik; Spezialinteressen einzelner
Bandmitglieder für beispielsweise Klezmer oder Drum´n´Bass blitzen
immer wieder auf.
Die erste CD der Band, im Juni ´08 bei AO-NRW (im
NRW Vertrieb) erschienen, dokumentiert nun, was die Tigers
sich in
den letzten Jahren in vielen Livekonzerten erspielt haben. Und sie ist
ein schönes Beispiel dafür, dass kompositorische Tiefe und
improvisatorische Freiheit einander nicht ausschließen. Die Stücke von
Beierbach, Jabusch und Faul mögen noch so verschieden sein - rockige
Grooves finden sich neben weiten, offenen Melodiebögen, songartige
Strukturen neben flächigen, zu kollektiven Improvisationen einladenden
Klanglandschaften - die Empathie, mit der die Tiger ihre
Musik vortragen, ist stets die gleiche.
Es hat sich also gelohnt, dass Alexander Beierbach für die Erfüllung
seines lange gehegten Traums von einem solchen Ensemble den richtigen
Moment abgewartet hat. Die Idee dazu ging ihm nämlich schon seit seiner
Zeit als Jazzstudent in Mainz durch den Kopf. 2005 hatte er dann in
Berlin die passende Besetzung zusammen: Den Trompeter Steffen Faul, den
er aus verschiedenen frei improvisierenden Formationen kannte; den ihm
in jahrelangem Duospiel verbundenen Bassisten Denis Jabusch. Und Uli
Jenneßen, der mit seiner unverkennbaren persönlichen Sprache in
Formationen wie Die Enttäuschung und Monk’s Casino
auch auf dem internationalen Parkett als Schlagzeuger aktiv ist.
Die Vertrautheit und Herzlichkeit im Zusammenspiel dieser Musiker
bedienen natürlich ebenso wenig die martialische Raubtier-Metapher wie
die Vorstellung tigerfelliger Plüschigkeit, die der Bandname
suggerieren könnte. Schon aus den Titeln der Stücke, wie Urlaub in
Kreuzberg oder das sich auf eine Nachtbus- und Metrolinie
beziehende N8-M1 spricht eher eine alltagspoetische
Verspieltheit. Und die wildkatzengemusterte Pose wird man bei den Tigers
of
Love auch live nicht finden. Stattdessen: Freiheit, Wärme -
Alltag der Tiger.
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